Hamburg Ambassador in Prag
News-AnzeigeNews-Anzeige (T)

Honorary Representative of the Free and Hanseatic City of Hamburg

StartseiteAktuellesHamburg-Tage 2015 Hamburg European Green Capital 2011Hamburg-Tage 2010Prager ImpressionenHamburger ImpressionenHamburger PartnerstädteImpressum

Aktuelle narratologische Probleme im tschechischen und deutschen geisteswissenschaftlichen Kontext
07.10.10

Das Pojekt wird nicht nur im Zusammenhang mit dem 20-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Hamburg-Prag vorbereitet, sondern auch als Ergebnis einer zehnjährigen Zusammenarbeit zwischen den Arbeitsgruppen, die sich mit Narratologie (Erzähltheorie) in beiden Städten beschäftigen.

Das geplante Symposium will mit seiner Gesamtausrichtung zur Lösung einer konkreten wissenschaftlichen Aufgabe beitragen und das deutsch-tschechische wissenschaftliche Dialog vertiefen.

Es handelt sich um das erste internationale narratologische Symposium in der Tschechischen Republik, an dem mit Sicherheit Fachleute und Studenten teilnehmen werde, die sich mit Literaturwissenschaft, Philosophie, Ästhetik, Filmkunst oder Semiotik usw. beschäftigen. 

An dieses Symposium wird am 7. Oktober eine Fachdiskussion über die Gestalt der weiteren wissenschaftlichen Zusammenarbeit und über die Fortsetzung des Projektes anknüpfen.

Kontakt:

Ústav pro českou literaturu AV ČR, Na Florenci 3/1420, Praha 1

(Das Institut für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik)

Was ist die Narratologie?

Die Narratologie ist die Bezeichnung für einen Zweig der literarischen Theorie, der sich mit der Forschung der Entstehungsart von erzählenden Texten, den Schemen ihrer Struktur und mit ihrer Typologie beschäftigt. Ein synonymer Begriff ist die Erzähltheorie. Die Erzähltheorie im klassischen Sinne untersucht die narrative Dimension der epischen Texte und beschreibt ihre Erzählstrukturen. 

Begriffsabgrenzung

Ein synonymer Begriff ist die Erzähltheorie, obwohl es sich aus der semantischen Perspektive um zwei völlig andere Begriffe handelt. Die Narration ist ein Akt, ein Erzählungsprozess und eine Erzählung betrifft das, worüber gesprochen wird. Außerdem beschäftigt sich die Narratologie nicht mit der Narration selbst, sondern mit den Formen des Erzählten. Sie sucht nach universalen Erzählkoden, die für Zeichensysteme von Kunstwerken gelten, insbesondere in Literatur (aber auch Film, Bild,…), und untersucht ihre Verbundenheit mit der Art und Weise der Erzählung.      

Die bedeutendsten Persönlichkeiten

Die Narratologie geht aus den Wurzeln von Aristoteles´ Poetik hervor, zu ihrer wichtigsten Vorformen gehören jedoch die Untersuchungen von Claude Lévi-Strauss und Vladimír Prokop. Die endgültige Geburt wird ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts datiert. Die moderne Narratologie gewann an Bedeutung in den Theorien des Strukturalismus und als ihr Vater wird Franz Stanzel mit seiner Theorie des Erzählens betrachtet. 

Zu ihren wichtigsten Vertretern werden Julian Algirdas Greimas aus Litauen, Tzvetan Todorov aus Bulgarien und die Franzosen Gérard Genette und Roland Barthes gezählt.

Vorgänger

Mit den Anfängen der Erzähltheorie ist der Name des französischen Strukturalisten und Anthropologen Claude Lévi-Strauss verbunden, der sich mit der Struktur von Legenden beschäftigte. Die auf dem ersten Blick verschiedenen mythologischen Geschichten hat er als Variationen von nur weniger Themen - Universalstrukturen beschrieben, auf die sich die Mythen reduzieren lassen.

Die Analyse führte er auf einem grammatischen Model aus, wo der Mythos als eine „Sprache“ funktioniert, die aus ihren kleinsten Einheiten – der Mythemen („Mythem“ ist eine Ableitung vom „Phonem“) – zusammengesetzt ist, die ihre Bedeutung erst in passenden Kombinationen erlangen. Die Regeln dieser Kombinationen bilden dann eine gewisse „Grammatik“. Ihre Untersuchung ist mit menschlichen Gedankenvorgängen untrennbar verbunden und gerade diese sind eher der Gegenstand der Erzählung (z.B. das Prinzip der binären Opposition) als die konkreten Geschichten. Die Erzählung eines Mythos überschreittet jedoch das subjektive Rahmen und man kann somit sagen, dass ein Mythos „mittels des Lesers“ denkt. Das steht im Einlang mit der strukturalistischen Tendenzen zur Dezentralisierung des Einzelnen als Ziel der Bedeutung. 

Der zweite bedeutende Name im Zusammenhang mit der Entstehung der Erzähltheorie ist Vladimír Propp mit seinem Werk Morphologie des Märchens. Der russische Formalist reduziert sämtliche Märchen auf sieben Bereiche der Handlungskreise und Funktionen der Aktanten (Held, Helfer, Schädiger,…). Das Märchen als ein Genre wird wieder erst durch eine passende Kombination von dieser Strukturen gebildet.

Zu anderen Vorgänger der strukturalistischen Narratologie sind z.B. Hate Hemburg, Eberhart Lämmert, Wayne Booth, die Chicago Schule mit ihrer Wahrnehmung der Aristoteles´ Poetik und russische Formalisten zu nennen.

 

Entwicklung der Narratologie

Auf Propps Überlegungen knüpft später die Untersuchung Strukturale Semantik von A. J. Greimas an, welche die ganze Theorie in eine abstraktere Ebene unter Anwendung der Konzeption der Aktanten hineinführt. Eine pragmatische Analyse wird ebenfalls seitens Todorov bei der Untersuchung des Boccaccio´s Dekameron bestrebt.

Zu den elementarsten Begriffen der Narratologie gehören die formalistischen Bezeichnungen Fabel und Sujet (bzw. ähnliche Begriffe des französischen Strukturalismus Histoire und Discours). Es ist jedoch erst Gérard Genette, der eine systematische und detaillierte Terminologie für die Analyse der Erzähltheorie in seiner Arbeit über den Erzähldiskurs präsentiert (Diskurs der Erzählung, 1972). Darin untersucht er die Beziehungen zwischen erzählten Geschichten und der Form, in der sie zur Rezeption präsentiert werden.

Die narrative Analyse beinhaltet seiner Lehre nach folgende fünf Kategorien:

  1. Die Aufeinanderfolgte weist auf eine Anachronie hin –  eine Diskrepanz zwischen der Fabel und dem Sujet (durch Analepsie und Prolepsie).
  2. Dauer – die Art und Weise, wie das Erzählen die Dauer der Episoden erweitern, steigern oder verlangsamen kann.
  3. Die Frequenz besagt, ob sich das Ereignis in der Fabel einmal oder mehrmals abspielte und wie viel Mal darüber erzählt wird.
  4. Die Kategorie des Modus lässt sich in zwei Untergruppen aufzuteilen: Distanz und Perspektive: Die Distanz untersucht, ob es sich um eine direkte Nacherzählung (Diegesis) oder ihre Repräsentation (Mimesis) handelt und ob direkte oder indirekte Rede verwendet wird. Die Perspektive ( = Blickwinkel, point of view) ist als die Perspektive des Erzählers zu betrachten, der über ein unterschiedliches Level von Kenntnissen (gegenüber seinen Figuren) verfügt.
  5. Die Kategorie des Genus analysiert derTyp des Erzählers und der Geschichte (die Einbezogenheit des Erzählers in die Geschichte, der Unterschied zwischen der erzählenden und der erzählten Zeit).  

Es war gerade Genette, wer den Unterschied zwischen dem Erzählen (wer spricht?) und der Fokalisierung (wer sieht?) beschrieben hat. Seine Nachfolger haben danach die Typologie der Techniken ausgearbeitet, durch welche Gedanken und Gefühle vermittelt werden: halbdirekte Rede, Aufnahme von Gedanken und innerer Monolog. Für die Entwicklung der Narratologie kam ein bedeutendes Moment mit der Herausgabe der Theorie des Erzählens (1979) von Stanzel, die eine Klassifizierung von drei typischen Erzählsituationen beinhaltet. Es handelt sich um einen der ersten Versuche – und bis heute den bedeutendsten – die grundlegenden Möglichkeiten der Vermittlung des Erzählens zu beschreiben.   

 

Spätere Entwicklung

Die spätere Entwicklung brachte neue Herangehensweisen zur Erzähltheorie mit, wie z.B. die sich auf die Genderproblematik in Literatur orientierende feministische Narratologie, kognitive und interdisziplinäre Narratologie, die auf der Grenze zwischen der Linguistik und Literaturwissenschaft steht, ferner die poststrukturalistische Kritik der Erzähltheorie und die non-esentielle Naturnarratologie. Für diese neuen Herangehensweisen sind die wissenschaftliche Interdisziplinarität und das Wegschaffen der Beschränkungen auf lediglich literarische Erzählungen charakteristisch. Die gegenwärtige Narratologie beschäftigt sich immer häufiger ebenfalls mit non-fiktiven Geschichten und untersucht die Narration der Journalisten, de Berichterstattung und die allgemein mediale Narration. Sie erforscht die Rezeptionsrelevanz, mimetische Ebene und die Überprüfbarkeit der Angaben.      

Tschechische Narratologie

Die tschechische Literaturwissenschaft beschäftigt sich mit der Analyse des Erzählens und der Poetik seit den 20er Jahren des 20. Jhrs., wobei hier der Einfluss des russischen Formalismus, der deutschen Ästhetik und der strukturellen Linguistik bemerkbar ist. Einer der wichtigsten Vorgänger der Erzähltheorie in Tschechien war Jan Mukařovský, der vor allem das Thema der subjektivisierenden Epik untersuchte. Ein diachroner Zugang zur Theorie der prosaischen Literatur wurde im Anschluss an den Formalismus von Felix Vodička eingeführt (Die Anfänge der schönen neutschechischen Prosa, 1948). Eine Systematisierung im Bereiches Verhältnisses Fabel-Sujetstrebte Lubomít Doležal an, der eine Typologie der Erzählparolen geschaffen und die diachrone Entwicklung der Wahrnehmung der Objektivisierung und Subjektivisierung des Erzählens erarbeitet hat. Das grundlegende Werk von Miroslav Červenka Der Bedeutungsausbau eines literarischen Werkes, mit der Untersuchung der Person des Erzählers, konnte in den 60er Jahren nicht veröffentlicht werden und wurde erst in den 90er Jahren herausgegeben.    

N. Krausová setzt sich in ihrer Studie Die Bedeutung der Gestalt – die Gestalt der Bedeutung (1984) mit elementaren Begriffen der Erzähltheorie und mit der Semantik in Greimas´ und Barthes´ Darstellung kritisch auseinander. Einen grundlegenden Beitrag zur Problematik der narrativen Semantik stellt die vom Doležal verfasste Heterocosmica (1998) dar, die an die Erforschung der Theorie fiktiver Welten von Umberto Eco anschließt.

<cite>Literatur</cite>

  • <cite>EAGLETON, Terry: Úvod do literární teorie. Praha: Triáda 2005, 1. vyd.</cite>
  • <cite>CULLER, Johnatan: Krátký úvod do literární teorie. Brno: Host 2002</cite>
  • <cite>PAVERA, Libor, VŠETIČKA, František: Lexikon literárních pojmů, Olomouc: Nakladatelství Olomouc 2002, 1. vyd.</cite>
  • <cite></cite><cite>NÜNNING, Ansgar (ed.): Lexikon literární teorie a kultury. Brno: Host 2006, 1. vyd</cite>






<- Zurück zu: Home